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Kapitel III

Wenn der Sommer zu Ende ging, wurde geerntet – auf den Feldern und in den Gärten.
Wir hatten ein paar Kaninchen, die ich jeden Tag füttern musste und so zog ich jeden
späten Nachmittag los, um Klee oder Löwenzahn mit nach Hause zu bringen. Und dann
gingen wir auch über die bereits abgeernteten Felder, um die Ähren aufzulesen und aus
dem wenigen Korn, Mehl zu machen. Die Zeiten waren schlecht und das Leben war sehr
einfach. Meine Mutter half in der Nachbarschaft überall dort, wo auf den Feldern, Höfen,
Ställen oder Küchen Arbeit anfiel und sorgte damit für unseren Unterhalt.

Höchstens einmal in der Woche gab es Fleisch und meistens ernährten wir uns von
Kartoffeln und Gemüse, das wir in unserem kleinen Garten anbauten. Ich hatte damit kein
Problem. Kartoffeln, braune Soße und saure Gurken, das war unser Samstagessen und
wenn am Sonntag gekocht wurde, dann aßen wir davon noch am Montag und Dienstag.
Kartoffel-, Erbsen oder Linsensuppe, das waren unsere bevorzugten Speisen und wenn
Knochen oder Schwarten drin gekocht wurden, bekamen sie erst den richtigen pikanten
Geschmack.

Wenn ich Hunger hatte, bekam ich ein Fettenbrot mit Tomaten und nachmittags zu meiner
großen Freude ein Butterbrot mit Zucker drüber gestreut. Und am Freitag backte meine
Mutter fürs Wochenende 2 Bleche Obstkuchen und bereits Freitagabend begannen wir
damit, so viel wie möglich zu essen. Wie alle Konnefelder Frauen konnte auch meine
Mutter gut backen und die Leidenschaft nach Kuchen und Torten ist bis heute geblieben.

Wenn das Obst reif wurde, ging der Bürgermeister mit den Bewohnern durch die Gemarkung
und vermietete die einzelnen Bäume an alle, die keine eigenen Bäume hatten Wir erstanden
so jedes Jahr 5-6 Bäume, Äpfel, Zwetschgen (Quetschen) und Birnen und wenn sie dann reif
waren, fuhren wir mit unserem Bollerwagen und einer Leiter zu unserem Baum, kletterten in
die höchsten Äste und pflückten alles ab. Nichts wurde verschwendet, auch Fallobst nicht,
alles konnte man gebrauchen und verbrauchen – zum Sofortessen, für die langen Wintertage,
als Marmelade oder eingemacht in Gläsern. Da es keine Kühlschränke gab, wurde alles,
was man für einen längeren Zeitraum aufbewahren wollte, in Gläsern eingekocht.

Am Waldesrand pflückten wir die Himbeeren und was ich gar nicht leiden konnte, war das Heidelbeerpflücken. Die Frauen gingen bereits früh morgens mit Eimern und Blechtassen an
Bändern um die Hüften in den Wald, sie kannten die geeigneten Stellen und dann sah man
sie den ganzen Tag über nur in gebückter Haltung. Ich hasste diese ‚Arbeit’ – auch mir hatte
man eine Henkeltasse umgebunden, aber lieber saß ich träumend zwischen den Sträuchern
und das Wasser lief mir im Mund zusammen, wenn ich an die Hefeklöße mit Heidelbeer-
kompott dachte, die es am nächsten Tag geben würde.

Kapitel IV


     Foto 2: Schlittenfahrt am Schulrain

Ein Winter ohne Schnee? Ich glaube, das gab es überhaupt nicht. Und Schnee ohne
Schlittenfahren auch nicht. Die schönste und einfachste Rodelstrecke war für mich der
Schulrain, direkt vor unserer Tür, und wenn meine Mutter oben aus dem Fester schaute,
konnte ich ihr zuwinken, vergaß aber dann oft im rechten Augenblick zu bremsen und
landete dann auch mal am unteren Strommasten (Foto 2). Die Nächte waren bitterkalt und
da in den Räumen nicht geheizt wurde, waren die Fensterscheiben morgens mit Eisblumen
bedeckt und unter den kalten und klammen Bettdecken konnte man nur einschlafen, wenn
vorher eine mit heißem Wasser gefüllte Wärmflasche für die angenehme Temperatur sorgte.
Die Weihnachtszeit kündigte sich mit dem Nikolaustag an, wenn wir als ‚Klöwesse’ verkleidet
von Haus zu Haus gingen, unser Sprüchlein aufsagten (Ich bin der kleine Dicke und wünsche
Dir viel Glücke...) und unsere Säcklein mit Süßigkeiten, Obst und Plätzchen füllen ließen.

Ach ja, die Plätzchen, den ganzen Dezember über duftete es in der Wohnung und der Höhe-
punkt war dann der Heilige Abend, wenn wir aus der Kirche kamen und der Weihnachtsmann
gerade das Haus verlassen hatte. Ein Brummkreisel, ein Peitschenkreisel, dann mal eine Eisen-
bahn aus Holz  und mit kleinen Rädern, ein Kipplaster, manche Sachen aus Gummi – es gab ja
nichts richtiges zu kaufen, aber die Geschenke waren phänomenal. Später Blechspielzeug, ein Metallbaukasten, Bausätze von Trix und Märklin und dann auch eine Eisenbahn zum Auf-
ziehen auf Schienen. Und immer wieder Bücher. Bereits dort begann meine Leidenschaft für
Bücher.

Kaum war Weihnachten vorbei, freuten wir uns auf Ostern, wir bauten hinter dem Haus Nester
aus Moos und Weidenstöcken und fanden am Ostersonntag bunte Eier und Süßigkeiten darin. Besonders angetan hatten es mir die mit Zwiebelschalen gefärbten Eier. Dann wanderten wir
alle zu einem Ameisenhaufen am Waldesrand und ließen die Ameisen neue Gemälde in die Eier hineinzaubern. Zum Eierwerfen waren diese kostbaren Eier viel zu schade, aber wenn man einen
weichen Untergrund fand, konnte man vielleicht gewinnen und das hieß, man dufte das an-
geknackte Osterei des Gegners essen. Ich habe nie wieder so viele Eier gegessen wie in den
wenigen Ostertagen meiner Kindheit.


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