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Kapitel IV

Aber ich hatte noch längst nicht alles ge­sehen. Wie schon erwähnt, war ich in meinen
Ge­danken und mit Hilfe von Google immer wieder durch den Ort gegangen – und nun
gingen wir also das Gässchen trepp­­auf zur Schule. Vorbei an der großen Linde, die es
nicht mehr gab. Nicht mehr das weitläufige Wurzel­gewirr, das uns so viele Schwierigkeiten
beim Ballspielen be­reitete, nicht mehr der dicke Stamm, den wir umkurven mussten und
die Schräglage des Platzes, die den Ball immer wieder Richtung Dieling kullern ließ. Kein
Walnuss­baum mehr neben den Schülertoiletten und keinen alten Friedhof, der mich immer
mit seinem ständigen Blumenmeer erfreute.

Nun ein moderner Spielplatz. Im Garten dahinter arbeitete Oskar Musolff, und wir verab-
redeten uns für später. Die Schule und das Lehrerhaus waren noch unverändert. Ich setzte
mich auf die Schul­treppe und ließ mich fotografieren. (Abb. 7) So, wie damals mit meinen
anderen Schul­kameraden aller 8 Klassen – vor 63 Jahren. Erst später zu Hause merkte ich,
dass das damalige Bild nicht vor der Schule, sondern möglicherweise vor der Kirche ent-
standen sein könnte. Ein 63-jähriger Irr­tum? Die Schule ist nun das Gemeindehaus. Ich
ver­suchte in die Fenster zu sehen, aber alles war dicht verschlossen.



   Abb. 7

Mehr Glück hatten wir mit der Kirche. (Abb. 8) Der Fussboden wurde gerade renoviert und
so konnten wir uns innen umschauen. Nichts hatte sich verändert und ich war beeindruckt.
Dieses aus dem 14. Jahr­hundert stammende Gebäude mit seiner genau so alten Mauer, die
den aller­ersten Friedhof umgab, ist  ein absoluter Höhe­punkt. Und etwas lernte ich auch noch
hin­zu. Die Kirche hat tatsächlich auch einen Namen: St. Margareten. Man lernt also nie aus.
Wir um­rundeten das Gebäude, blickten hoch von allen Seiten und gingen an der Mauer ent-
lang – und siehe da, es fehlte der 4. Mauerdurchbruch, der einmal in eine dunkle Gasse
zwischen zwei Höfe führte.



   Abb. 8

Nun wurde es aber Zeit, an den Ursprung meines Konnefeld-Aufenthaltes zu gehen, an den
(Schul-)Rain Nummer 4, wo mit meinen 2 ½ Jahren alles angefangen hatte. Wir näherten uns dem
Rain über die Lindenstraße und ich wunderte mich bereits von weitem, dass oben an der Ecke
etwas fehlte. Ein Ge­bäude, das mir als kleiner Junge immer ein wenig Schrecken eingejagt hatte.

Es erinnerte mich immer an Märchen, die nicht gut endeten, eine Art Festung mit kleinen Fenstern, die abends hell erleuchtet waren -  und wenn ich von unserer Wohnung den Schulrain nach oben schaute, überragte das Gebäude alles und wirkte gespenstig und geheimnisvoll. Und von der anderen Seite führte eine hohe und steile Treppe mit wackligen Stufen zum Eingang. Sie schienen für mich unendlich. Ach, dabei  waren das nur die Träume eines fantasievollen Jungen, denn in Wirklichkeit war alles ganz harmlos. Das Ehepaar Schramm wohnte in diesem uralten Haus, das früher einmal die Schule war und eigentlich unter Denkmalschutz hätte gestellt werden müssen. Nun ist es weg. Schade.


Kapitel V

Ein paar Schritte weiter stand ich nun vor dem Haus mit unserer ersten Wohnung (Abb. 9) – 1943 war es und dort oben im ersten Stock mit den beiden Fenstern, das war die Küche und dahinter das gemein­same Schlaf-zimmer. Die Toilette war unten im Kuhstall und später besuchte ich die gleiche Örtlichkeit neben­an bei Schmauch‘s („Schmüchs“) bzw. Sperling‘s. Warum dieser Wechsel? Ich weiß es nicht mehr. Vielleicht war das Am­biente dort besser, vielleicht lag es an Rudi, der zu meinem Freundeskreis zählte. Es gab keine Schmauch‘s mehr keine Sperling‘s und kein Rudi.



   Abb. 9

Den Nachbesitzer traf ich vor dem Haus­eingang und ich erzählte ihm von meiner Vergangenheit. Also, sagte ich zu ihm, ich ging damals hier über den Hof, durch die Scheune, die Waschküche in den Stall – und hier an der Seite zum Schulrain, da war die Toilette und die Kühe wedelten mir manch­mal mit dem Schwanz ins Gesicht. „Ja, dieses Monstrum von Sitzbank kenne ich noch“, sagte er. „Das habe ich erst vor zwei Jahren entsorgt.“ – „Ach, hätten Sie nicht noch warten können? Ich hätte es zu gerne noch einmal gesehen.“  - „Ja, wenn ich ge­wusst hätte, dass Sie heute kommen...?“, antwortete  er und lachte.

Früher fuhr ich mit dem Rad samstags nach Niederellenbach zum Metzger und bekam dort eine Scheibe Jagdwurst geschenkt. Zum Friseur fuhr ich nach Neumorschen oder später zum Gymnasium nach Mel­sungen – und da wir dann wieder nach Kassel umzogen, spielte sich mein ganzes junges Leben immer der Fulda entlang ab. Die Fulda war nun unser nächstes Ziel und ich dachte zuerst, ich sei am falschen Platz. Da waren der asphaltierte Weg und eine Brücke, fest gemauert in der Erden. Wo war meine Holzbrücke, die jedes Jahr im Früh­jahr aufgebaut und vor Winterbruch ab­gerissen wurde, um vom Hochwasser nicht fortgeschwemmt zu werden? Wo war unsere Liegewiese, wo das kieselige Ufer, wo war die ‚Durchfahrt‘, die Stelle unter der Brücke mit der stärksten Strömung? Wo waren die schräg gestellten Brückenbalken, auf denen wir saßen und von denen wir uns dann flussabwärts treiben ließen? Alles war weg und alles war fremd und schien seit Jahren nicht mehr benutzt zu sein.



   Abb. 10

Wir gingen über die Brücke, schauten den Fluss auf- und abwärts (Abb. 10) und dann ver­suchte ich, sozusagen über ‚meine‘ Liege­wiese, das Ufer der Fulda zu erreichen. Es war fast nicht möglich: hohes Gras, Büsche und Gestrüpp – und da es bergab ging und meine Füße keinen richtigen Halt fanden, befürchtete ich entweder bald im Morast oder im Wasser zu stehen. Zuletzt musste ich mich an einen Baum hangeln, um nicht in den Fluss zu fallen. Und dann meine Frau, sehr besorgt: „Wieso musst Du alter Mann denn auch so weit nach unten gehen?“ Ich glaube, sie verstand mich nicht in diesem Augenblick. Ich musste es einfach tun.

Fortsetzung folgt ...

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